Projekt – Kinderfamiliendorf in Dohuk/Nordirak / Waisenhaus

Die Provinz Niniwe im Nordirak mit ihren Städten Mosul und Shengal ist traditionelles Siedlungsgebiet der Jesiden. Sie leben seit hunderten von Jahren in dieser Region.
Schon unter dem Saddam-Regime, aber auch danach waren Jesiden immer wieder Ziel von Anschlägen extremistischer Muslime.

Seit dem 3.8.2014 werden Jesiden, Christen und andere Minderheiten im Irak von der Terrorgruppe IS systematisch verfolgt, enthauptet und auf andere barbarische Arten und Weisen massakriert. Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und als Sex-Sklavinnen auf dem Sklavenmarkt verkauft. Die IS-Terroristen betreiben eine ethnische Säuberung, sie zerstören heilige Stätten und unersetzliche Kulturschätze der Jesiden und Christen.

Es sind inzwischen mehr als 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele haben in vergleichsweise sicheren kurdischen Regionen, vor allem im Nordirak Zuflucht gefunden.
Mehr als 500 Kinder sind auf dieser Flucht verhungert und verdurstet. Unter den Überlebenden sind Hunderte von Kindern, die ihre Eltern durch die IS-Terroristen verloren haben.

Langfristig planen wir die Errichtung eines „Kinderfamiliendorfs“ für 250 Waisenkinder und 50 Familien von verwitweten Frauen und Männer mit Kindern. Sie sollen in das Projekt integriert werden und in Aufgaben eingebunden werden. Das „Kinderfamiliendorf“ soll einen familiären Charakter wiederspiegeln.

Viele Kinder von Flüchtlingsfamilien sind traumatisiert. Den Waisenkindern soll im Rahmen des Gesamtprojektes ein erstes Zuhause geboten werden. Dort sollen sie sozialpädagogisch und therapeutisch behandelt und betreut werden. Sie sollen lernen, ihre Traumata zu bearbeiten und damit umgehen zu können.

Kurzfristig ist geplant:

Zunächst erfolgt die Implementierung des Projektes vor Ort:

  • Anmietung einer geeigneten Immobilie
  • Personalauswahl
  • Vernetzung zu Kinderärzten, Psychologen, Therapeuten, Krankenhäuser, Ämter und Behörden, religiösen Institutionen etc.
  • Eruierung der politischen und sozialen Situation vor Ort
  • Vorstellung des Projektes „Haus für Waisenkinder“ bei allen relevanten Organisationen und Institutionen
  • Maßnahmen zur Sicherstellung der Finanzierung und Bewirtschaftung der zu schaffenden Einrichtung (Projektsteuerung, Projektcontrolling)

Die inhaltliche Ausrichtung des Projektes beinhaltet in diesem Zusammenhang für die Kinder

  • die medizinische und hygienische Erstversorgung
  • die Sicherstellung einer regelmäßigen, ausreichenden Ernährung
  • den Aufbau einer Tagesstruktur
  • den Aufbau einer gesunden Beziehung zu Bezugspersonen
  • die Übernahme von bzw. die Begleitung bei bürokratischen Angelegenheiten
  • die Unterstützung und Begleitung bei Schulbesuchen, evtl. Arztbesuchen, wie z.B. stationäre Behandlungen, Gespräche mit den Gesundheitsinstitutionen bzw. Sozial- und Jugendämtern
  • das Angebot und die Umsetzung eines umfassenden pädagogischen und sozial- bzw. psychotherapeutischen Konzeptes (s. Anlage)
  • die Einbeziehung von betroffenen Familien in den Projektablauf

Übergeordnetes Projektziel ist

  • der Aufbau und Stärkung der jesidischen Gemeinde zur ungestörten Ausübung ihrer Kultur, Schaffung von Perspektiven für die jesidische Minderheit, um in der Region vor Ort bleiben zu können.
  • die Schaffung eines Lebens in Sicherheit ohne Angst vor Vertreibung, Entführung oder Ermordung für die Waisenkinder
  • Schaffung stabiler Persönlichkeiten zur Selbstgestaltung des Lebens

Das Projekt soll auf andere Gebiete und Regionen ausstrahlen und im Irak Vorbildfunktion ausüben. Es ist angestrebt, eine Vernetzung mit den vor Ort bestehenden Institutionen, wie z.B. die Jiyan Foundation (Behandlungszentrum für Folteropfer), die Universität Dohuk, psychologische und medizinische Fakultät.
Insgesamt soll das Projekt dazu beitragen, weitere soziale und kulturelle Projekte in Kurdistan/Irak zu initiieren, zu entwickeln und zu unterstützen.

Weiterhin streben wir an, eine Struktur für Patenschaften für die Kinder im Waisenhaus zu schaffen, um die Nachhaltigkeit des Waisenhauses zu gewährleisten. Diese Kinder sind auf unsere Hilfe angewiesen.

Helfen Sie uns diesen Kindern ein Zuhause und eine Zukunft zu geben.

Im Oktober haben wir das Camp in Xanke besucht. In diesem Camp leben ca. 65.000 Flüchtlinge, sie sind in schlechten, nicht winterfesten Zelten untergebracht. Die Zelte sind nicht beheizt. Matratzen, winterfeste Kleidung sind nur knapp vorhanden.

Hilfe für Waisenkinder in Nordirak

Wir, zwei Schwestern aus Berlin und Detmold, arbeiten für Kompetenz, haben uns auf den Weg in den Nordirak gemacht, nach Dohuk, das in der kurdischen Autonomieregion liegt. Seit Anfang August, als die Bilder über die ethnische Säuberung der Jesiden in Sengal um die Welt gingen, lassen uns diese Bilder nicht mehr los. Wir sind selber jesidischer Abstammung, aber wir sind in Deutschland aufgewachsen und fühlen uns als Deutsche. Die Bilder, das unendlicher Leid unserer Verwandten im Irak, die wir meist noch gar nicht persönlich kennen, verfolgt uns. Deshalb haben wir uns entschlossen, etwas zu tun.

Wir wollen angesichts des Grauens dieser Vernichtungstaten, die Vergewaltigungen, die Entführungen, die Tötungen unserer Cousinen und Cousins, der Onkel, Tanten und Großmütter und –Väter nicht mehr untätig und hilflos warten. Wir sind unterwegs mit der IPPNW-Ärztin Angelika Claußen und hören viele schreckliche Geschichten der zurückgekehrten entführten Frauen und Flüchtlinge. Unser Projekt ist es, ein Waisenhaus für Kinder und Jugendliche in Dohuk, Nordirak aufzubauen, die ihre Eltern auf der Flucht verloren haben. Über 500.000 Menschen sind nach Dohuk geflüchtet.

Mehr als 800 Kinder sind auf dieser Flucht verhungert und verdurstet. Die kurdische Regionalregierung hat bereits mit einer Bestandsaufnahme über die Zahl der Flüchtlinge begonnen, der Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. Der Berater des kurdischen Ministerpräsidenten Negirwan Barzani und gleichzeitig Mitglied im Hohen Rat für den Genozid an den Jesiden, Hussein Hasoon, berichtete uns, dass er Daten über die Zahl der ermordeten und verschleppten jesidischen Bevölkerung sammle, um den Genozid vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zur Anklage zu bringen.

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Auch die jesidische Abgeordnete im irakischen Parlament, Viyan Dahil, hat uns ihre Unterstützung zugesagt. Sie machte uns Mut, dass wir rasch mit den ersten Schritten beginnen sollen.

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Unsere nächste Station war das Flüchtlingscamp Xanki, wo etwa 70.000 Flüchtlinge in schlechten dünnen Zelten leben, acht Familien müssen sich eine Toilette teilen. Es fehlt an Matratzen, Decken winterfester Kleidung und Öfen. Auch die Zelte sind nicht winterfest. Wir waren schockiert beim Anblick der Zustände, auch unterwegs haben wir Flüchtlings-Familien in offenen Hochhäuser -Rohbauten an der Straße gesehen, die Flüchtlinge dort erzählten uns, dass viele Kinder nachts in die Schächte gestürzt sind.

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Eine Ärztin, die sich um die zurückgekehrten Mädchen und Frauen kümmert, nahm uns mit in eine Wohnsiedlung, wo gerade ein Mädchen wieder in ihre Familie aufgenommen wurde. Wir durften persönlich mit ihr sprechen. Sie erzählte, noch unter tiefem Schock stehend, ihre Geschichte. 16 Mitglieder aus ihrer Familie seien verloren. Sie selbst sei in Gefangenschaft mit 35 Mädchen gewesen. Auch ihre Mutter und zwei Schwestern seien gefangen genommen worden. Sie sei zunächst 15 Tage in Mossul in Gefangenschaft gewesen und danach nach Syrien gebracht worden. Über ihrer Mutter habe sie später erfahren, dass diese wohl in Tel Afar sein. Die beiden Schwestern, von denen sie getrennt wurde, seien wahrscheinlich noch in Mossul. „In Syrien wurde ich in ein Hotel gebracht. Dort befanden sich viele Männer der ISIS, aus Deutschland, Frankreich und Amerika. Ich konnte fliehen, weil ein junger Mann, der im Hotel arbeitete, mir geholfen hat. Er brachte mir einen Tschador, so konnte ich entkommen.“ Auf unsere Frage nach ihrem größten Wunsch antwortete sie mit Tränen in den Augen, „dass meine Mutter und meine Schwestern zurückkehren“.

Beim Zuhören der Geschichte des jungen Mädchens spürten wir tiefe Trauer, Hilflosigkeit und große Hoffnungslosigkeit, die geliebten Menschen wieder zu treffen. Das Leid nimmt kein Ende.

Mit dem Aufbau eines Kinderdorfs in Dohuk wollen wir den Waisenkindern, die im andauernden Krieg am meisten leiden, eine Zukunft geben. Wir planen ein Kinderdorf mit psychotherapeutischer und sozialpädagogischer Betreuung. Um das konkrete Konzept in die kulturellen und sozialen Strukturen der kurdischen Gesellschaft einzupassen, hat Dr. Angelika Claußen erste Kontakte mit den Leitern der Fachbereiche Pädagogik und Psychologie der Universität Dohuk aufgenommen. Beim Besuch des Behandlungszentrums für Gewaltopfer und Flüchtlinge in Dohuk haben wir die Zusicherung für eine Zusammenarbeit bekommen.

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Das Behandlungszentrum in Duhok hat 300 Patienten, 6 Therapeuten. Momenten hat das Behandlungszentrum keine Kapazitäten, weitere Patienten aufzunehmen. Sie sind dringen auf Unterstützung angewiesen.